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Internet und Krieg: Wenn Social Networks zum Schützengraben werden

 

Wer heute Soldat ist, ist mit dem Netz aufgewachsen und füllt es mit eigenem Erleben. Armeen ist das nicht recht, dabei nutzen sie das Netz für sich.

Sascha Stoltenow ist ausgebildeter Fallschirmspringer. Als Offizier war er in Kroatien im Einsatz, in Bosnien-Herzegowina und im Kosovo. Zwölf Jahre diente er in der Bundeswehr. Heute ist er Special Staff Sergeant der IDF, der Israel Defense Forces.

Der Ex-Soldat Stoltenow macht mit bei IDF Ranks, einer Art Online-Game der israelischen Armee. Das belohnt Aktivitäten auf den Websites und Plattformen der Armee mit Punkten: Mit jedem gelesenen Eintrag, jedem Like oder Kommentar kommt man dem nächsthöheren Dienstgrad näher – bis zum Chief of Staff.

Das israelische Militär ist längst nicht das einzige, das die sozialen Netzwerke für sich entdeckt hat. Alle großen Armeen oder Waffenschmieden der Welt präsentieren sich auf Facebook und Youtube. Stoltenow schreibt als Bendler-Blogger über die Armeen der Welt und hat mit Thomas Wiegold von Augen Geradeaus! auf der re:publica einen Vortrag zu dem Thema gehalten.

Überschrieben war er mit “Die Digital Natives ziehen in den Krieg”. Denn auch Soldaten füllen ihre Accounts bei Instagram, Flickr oder Tumblr mit dem, was sie im Einsatz erleben und sehen. Sie sind mit dem Netz aufgewachsen, ihr soziales Umfeld ist bei Facebook, ihr Kulturraum ist Youtube. Sie posten, weil sie mit Freunden reden wollen, aber auch, weil sie nach Anerkennung für ihre Arbeit suchen, wie Stoltenow sagt. Entsprechend groß ist die Bilderfülle im Web – an Banalem, aber auch an Gräueln.

Und entsprechend groß sind die Risiken, die aus den im Netz verfügbaren Informationen erwachsen.

Umfassendstes Social-Media-Handbuch der Welt

So verlor die US-Army 2007 im Irak vier AH-64 Apache Hubschrauber, weil Soldaten Fotos von deren Landung in ihren Accounts gepostet hatten. Die Bilder enthielten die Geodaten der Orte, an denen sie aufgenommen worden waren. Die Gegner der Soldaten konnten diese Informationen aus den Bildern herauslesen. So erfuhren sie die Position der Maschinen auf dem Stützpunkt und feuerten Mörsergranaten zielgenau dorthin.

Nicht ganz so folgenreich war ein Trick mutmaßlich chinesischer Hacker: Sie lockten mehrere Nato-Offizielle auf eine gefälschte Facebook-Site, die sie unter dem Namen eines US-Admirals angelegt hatten und sicherten sich persönliche Daten.

Inzwischen hat die US-Armee das umfassendste Social-Media-Handbuch der Welt. Es beginnt mit Tipps und Tricks zur Computersicherheit und endet mit Hunderten von Dokumenten zu Sicherheit und Privatsphäre. Inbegriffen sind Richtlinien, wer was in welcher Funktion in sozialen Netzwerken posten darf.

Von Followern und Facebookfreunden könne Gefahr ausgehen, heißt es dort; nur öffentlich freigegebene Dokumente dürften gepostet werden; Bilder seien daraufhin zu prüfen, ob sie – etwa im Hintergrund oder auf spiegelnden Oberflächen – schutzbedürftige Details zeigten.

Auch in der Bundeswehr wächst die Zahl der Soldaten mit Facebook-Account. Daher gibt es inzwischen eine wenn auch eher allgemein gehaltene Handreichung: Wer in Netzwerken postet, solle das verantwortungsbewusst tun, Gesetze einhalten, die Privatsphäre respektieren und Anstand wahren, heißt es darin. In dienstlichen Angelegenheiten sei “Verschwiegenheit zu wahren”, insbesondere im Einsatz – um die Einsatzbereitschaft nicht zu gefährden.

Doch nicht nur ums Senden geht es den Armeen bei der Internetnutzung, sondern auch ums Empfangen. Militärs und Kriegsparteien nutzen das geschickt: Sie verleihen ihren Inhalten die Haptik von Games – wie die israelische Armee – um spieleaffines Publikum zu interessieren. PR-Abteilungen ästhetisieren die Kriegsrealität geschickt durch Bildschnitt und -bearbeitung, bis der Einsatz im Feld optisch als spannendes Abenteuer rüberkommt.

Wie aus einem Ego-Shooter, nur eben real

Die Bundeswehr präsentiert sich bei Facebook auch schon mal mit dem Foto einer Transall-Maschine im Abendrot. Darunter sind Einträge vom Hafengeburtstag in Hamburg zu lesen. In Werbevideos betont die Truppenführung vor allem den Aspekt Abenteuer, schließlich kommen die Rekruten nicht mehr von selbst, sie müssen geworben werden.

Leicht ist da die Grenze zwischen Öffentlichkeitsarbeit und Propaganda verwischt: So zeigt ein Werbetrailer der US-Armee mit viel Getöse, wie die Marine mit Luftunterstützung Bodentruppen an einer Küste absetzt – mittendrin mehrere Radpanzer, beladen mit “Aid”-Hilfspaketen.

Schocks für die Netzöffentlichkeit

Das Social Web wird so zum Werbekanal und Schützengraben zugleich: Kriegsparteien flankieren das Töten mit aggressiver Rhetorik auf Twitter. Mit Bildern prangern sie den Gegner an und rechtfertigen den eigenen Waffeneinsatz mit Grafiken, Videos und Tweets. Im Machtkampf schocken Islamisten und Gotteskrieger die Netzöffentlichkeit mit Bildern von Erhängten, in Syrien filmen Assad-Gegner, wie sie vermeintliche Regime-Unterstützer massakrieren.

Ein markantes Beispiel dafür ist die wochenlange Propagandaschlacht zwischen israelischer Armee und Hamas vom November 2012. Begonnen haben sie die Israelis, die die Tötung des Islamistenführers Ahmed Jabari auf Youtube posteten – eine Zehn-Sekunden-Sequenz wie aus einem Ego-Shooter, nur eben real.

Postings nach Protest gelöscht

Die zivile Öffentlichkeit ist nicht immer begeistert von so viel Einblick ins Kriegshandwerk. Im Falle der Exekutions- und Massakervideos aus Syrien bewirkten Userhinweise, dass Youtube nun zumindest einen Warnbalken vorschaltet. Entfernen lassen sich die Gräuelfilme nur schwer.

Stoltenow weiß von weiteren Beispielen: Ein israelischer Soldat hatte auf Instagram inmitten von Privatfotos ein Bild gepostet, für das er am Rechner ein Kind ins Fadenkreuz eines Zielfernrohrs montiert hatte. Nach heftigem User-Protest löschte er die menschenverachtende Montage.

Auch die Bundesregierung musste unter öffentlichem Druck ihre Online-Politik überarbeiten: Auf ihrem Youtube-Kanal hatte die Bundeswehr mit kühn blickenden Soldaten geworben, viel Kriegsgerät und Kettengerassel waren zu sehen. Zu viel: Nach politischem Protest in Berlin sei der Film wieder verschwunden, erklärt Wiegold. Die Begründung des Regierungssprechers: Dem Werk habe der erforderliche Wortanteil gefehlt.

 

Erstmalig veröffentlicht auf:

www.golem.de/news

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