Internet- / Tec-Blog

Trends und interessante Nachrichten online

S.P.O.N. – Die Mensch-Maschine: Leben im Schutz des Mittelwerts

Versicherungen sind der Anfang: Wer sein Fahrverhalten überwachen lässt, kann in Großbritannien Prämien senken. Die Digitalisierung vieler Lebensbereiche ermöglicht exakte Messungen des Verhaltens. Das erhöht den Druck auf alle, die vom erwünschten Lebensstil abweichen.

Der famose englische Begriff “educated guess” lässt sich etwas verbogen übersetzen mit “begründete Vermutung”. Diese Form des Vermutens ist eine wichtige Grundlage der Wirtschaft. Klassische Werbung etwa basiert auf einer Vielzahl von Annahmen. Wie viele Leute einen Werbespot im Fernsehen wirklich sehen, ist kaum messbar, man behilft man sich mit rechnerischen Annäherungen. Ebenso verhält es sich mit Anzeigen in gedruckten Medien. Wer kann schon sagen, wie viele Leser die Anzeige auf Seite 67 unten tatsächlich betrachtet haben? Oder ob – wie marktrelevante Analysen sagen – wirklich und wahrhaftig jedes einzelne verkaufte “Focus”-Magazin von mehr als neun Leuten gelesen wird. Im Durchschnitt.

Statistiker werden wütend einwenden, dass ihr Fach seriös sei und sich als verlässlich erwiesen habe. Das stimmt zwar, aber darum geht es nicht. Denn das Abschätzen als ökonomische Verfahrensweise wird langsam ergänzt oder ersetzt durch das Messen. Die Schuld trägt die digitale Vernetzung samt der Flut der preiswerten Sensoren in Smartphones und anderen Geräten. Ein eindrückliches Beispiel liefert die Versicherungswirtschaft. Dort gehört von jeher das Raten von Raten zu den wichtigsten Aufgaben: Wie viel muss jemand monatlich bezahlen, um sein Auto zu versichern?

Es handelt sich um einen komplexen Errechnungsprozess mit vielen Dutzend Variablen: Alter, Wohnort, Beruf, Automodell und Ähnliches. Allerdings verschleiert diese Berechnung ein grundsätzliches Problem: Am Ende basiert die Rate des einzelnen Autofahrers auf einer statistischen Wahrscheinlichkeit – und nicht (oder erst nach vielen Jahren) darauf, wie er wirklich fährt. Ein alter Witz unter Statistikern verdeutlicht das Problem: Wenn man bei der Entenjagd versucht, einen Vogel zu treffen, aber einen Meter links daneben schießt – muss man beim zweiten Versuch einen Meter rechts daneben schießen, dann ist die Ente statistisch gesehen tot. Statistik sagt nichts über einen konkreten Einzelfall aus, der Mittelwert ist eine rechnerische Größe, die erst in der Masse relevant wird.

Eine Technologie mit dem Namen “Pay how you drive” versucht, bei der Autoversicherung diese statistische Annäherung teilweise zu ersetzen, und zwar durch gemessene Daten. Dabei wird ein kleines Gerät im Wagen eingebaut, das die Fahrweise auswertet und an die Server der Versicherung sendet: Geschwindigkeit, Brems- und Beschleunigungsverhalten, Strecken und angefahrene Orte. Die zu zahlende Prämie richtet sich damit nicht mehr nur danach, ob und wie viele andere verbeamtete Garagenbesitzer mit fünf Jahre alten 170-PS-Wagen schon teure Unfälle gebaut haben.

Die Welt ist mit vernetzten Sensoren übersät

Man muss kein besonderes Faible für Datenschutz und Privatsphäre haben, um die Problematik zu erfassen. Die Preisgabe der persönlichen Daten kann zwar die monatliche Versicherungsrateprämie reduzieren. Aber die gesellschaftlichen Folgen können schwerwiegend sein, denn jedes Messinstrument kann zugleich als Kontrollinstrument wirken. Und zwar sowohl durch die Versicherung wie auch im Kopf des Versicherten. Das Gefühl, beobachtet zu werden, kann das Verhalten stark verändern. Derzeit räumen die entsprechenden Versicherer um die 30 Prozent Rabatt ein, wenn man “Pay how you drive” einsetzt. Ab welcher Differenz ist der Tausch persönlicher Daten gegen Preisreduktion keine Freiwilligkeit mehr, sondern ökonomische Notwendigkeit?

Privatsphäre könnte damit zu einem ökonomischen Gut werden, das man sich leisten können muss. Und natürlich ist der Einsatz solcher Geräte ein möglicher erster Schritt zum gesellschaftlichen Standard: Ein harmlos und sinnvoll klingender Name wie “Fahrtenschreiber-Pflicht” sowie etwas Lobbyarbeit sollten ausreichen.

Im Auto mögen mit zugekniffenen Augen die Vorteile einer solchen flächendeckenden Messüberwachung überwiegen. Aber die digitale Vernetzung ist eine Effizienzmaschine, die bis in die persönlichsten Winkel der Gesellschaft hineinreicht. Denn die Welt ist mit vernetzten Sensoren übersät, und ihre intelligente Auswertung stellt einen ökonomischen Schatz dar, dessen Wirkung mit dem Taylorismus vergleichbar sein wird. Frederick Taylor hatte in den achtziger Jahren des 19. Jahrhunderts die industrielle Produktion revolutioniert, indem er jeden Prozess in Einzelschritte zerlegte, vermaß und danach optimierte. Wo ein wirtschaftlicher Vorteil besteht zu messen, was vorher geschätzt werden musste, wird versucht werden, dieses Potential zu heben. Die Maßgabe, die die Wirtschaftswelt verändern wird, lautet: Daten statt raten, die Vermessung der Welt.

Messung statt Schätzung

Dem unzweifelhaft großen Effizienzgewinn steht nicht nur die Missbrauchsmöglichkeit gegenüber. Denn in der Verfahrensweise der Abschätzung steckt auch die statistische Gnade des Mittelwerts: Extremfälle werden auf die Gemeinschaft umgelegt, nach diesem Prinzip funktionieren nicht nur Versicherungen, sondern ungefähr das halbe Sozialsystem. Die Messung der Daten kann dem entgegenwirken. Je genauer sich errechnen lässt, ob der Einzelne von der Gemeinschaftsumlage profitiert, desto schwieriger dürfte es werden, ihn von der Teilnahme zu überzeugen.

Im Beispiel der Autoversicherung mag sich Messung statt Schätzung nur etwas ungewohnt anhören. Aber eine Tür weiter überlegt die Lebens- oder gar die Krankenversicherung, wie sie die Effizienz ihres Geschäftsmodells durch “Daten statt raten” erhöhen kann. Der große Erfolg der digitalen Selbstvermessung steht Pate, mit Apps wie runtastic oder allerlei Zubehör der Firma Nike lässt sich per Smartphone facebookkompatibel ausmessen und veröffentlichen, wie schnell, lange und oft man gejoggt ist.

Der Gedanke liegt nahe, besondere Tarife für Leute anzubieten, die gesundheitsfördernd regelmäßig laufen gehen. Immerhin gibt es schon jetzt verhaltensformende Tarife, etwa Boni für regelmäßige Zahnarztgänge. Ein solches Szenario mag noch hypothetisch sein, weil gesetzlich geregelt ist, welche Daten Versicherungen erheben dürfen und welche nicht. Aber das dahinterstehende Prinzip wird deutlich: Ein unscheinbarer, aber wesentlicher Begleiteffekt des durchdachten Erratens ist die Anonymisierung. Ein Mittelwert lässt sich nur einer Gruppe zuordnen, eine Messung aber einer einzelnen Person. Damit erhöht sich der wirtschaftliche und soziale Druck auf diejenigen, die sich anders verhalten. Irgendwann könnte Nichtjoggen ein teures Hobby werden.

Quelle: 

http://www.spiegel.de/netzwelt/web/daten-statt-raten-ein-lob-des-mittelwerts-a-861496.html

,